Villa Hadriana

Informationen ĂĽber alle bisherigen Publikationen zu diesem Projekt finden Sie hier.

Das Forschungsprojekt
„Die Wasserkultur der Villa Hadriana“

Im Folgenden sollen Zielsetzung und einige Ergebnisse des Forschungspro- jektes „Die Wasserkultur der Villa Hadriana“ vorgestellt werden, das von 2003 bis 2006 unter der Leitung von Prof. Dr.-Ing. Henning Fahlbusch mit finanzieller Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) durchgeführt wurde. Eine ausführliche Darstellung aller Ergebnisse haben wir in Band 8 der Schriften der DWhG unter gleichnamigem Titel publiziert (Bild 1).

Bild 1

Der Name „Villa Hadriana“ ist ein wenig irreführend, denn es handelt sich keineswegs nur um eine „Villa“, sondern um ein ca. 120 ha großes Areal auf einem der Stadt Tivoli, dem antiken TIBVR, vorgelagerten, lang- gestreckten und vor allem klimatisch begünstigten Hügel. Hierher hatte PVBLIVS AELIVS HADRIANVS, Kaiser von 117 bis 138 n. Chr., seinen Regierungssitz verlegt, um dem lauten, vor allem im Sommer heißen, stickigen Rom zu entkommen. Hadrian hat aber weder die gesamte Staatsverwaltung von Rom nach Tivoli verlegt noch dort ständig gewohnt, zumal er mehrere große Reisen durch das gesamte römische Reich unternahm.

Bild 2: Bauwerke im Nordbereich des Residenzhügels: 1 – Zierbrunnen auf der oberen Terrasse der Bibliotheken; 2 – Lateinische Bibliothek; 3 – Griechische Bibliothek; 4 – Nymphäum im Bibliothekenhof; 5 – sog. Bibliothekenhof; 6 – Kaiserlicher Palast; 7 – Teatro Marittimo; 8 – Thermen mit Heliocaminus;
9 – Peschiera; 10 – Gartenstadion; 11 – Gebäude mit drei Exedren; 12 – (Stoa) Poikile; 13 – Kleine Thermen; 14 – Große Thermen; 15 – Prätorium; 16 – Canopus (Serapeum außerhalb des Bildes);
17 – unter- irdische Piscina Limaria mit Fallschacht; 18 – Kaserne der Wachmannschaft;
19 – Bedienstetenunterkunft (?) in der Nähe des Canopus.                                         (Photo: G. Garbrecht)

Hadrian liebte Wasser. Die gesamte Residenz war deshalb mit einer immensen Zahl von hydrotechnischen Einrichtungen ausgestattet (bisher festgestellt: 12 große Brunnenanlagen, 39 Springbrunnen unterschiedlicher Art, 6 Grotten, 12 Becken und Teiche, 7 Kanäle, 6 Badekomplexe, 10 Zisternen und 35 Toiletten), von denen
im Luftbild nur die größten und wichtigsten Monumente im Nordbereich der Villa zu erkennen sind (Bild 2). Tatsächlich gab es fast kein Bauwerk, in dem flieĂźendes Wasser keine Rolle spielte. Neben Gesichtspunkten wie Ă„sthetik, Repräsentation, Selbst- und Machtdarstellung manifestiert sich darin ganz sicher auch die Absicht, das Mikroklima auf dem den Sabiner Bergen vorgelagerten, langgestreckten HĂĽgel, auf den Hadrian zeitweise einen groĂźen Teil seiner Residenz verlegt hatte, gĂĽnstig zu beeinflussen. 

Bild 3

Bild 4

Die Forschung hatte bisher nicht klären können, woher die zum Betrieb dieser Anlagen notwendigen, kaum vorstellbar großen Wassermengen gekommen waren, wie sie zur Residenz geleitet, dort genutzt und entsorgt wurden.

Neben der Klärung dieser Fragen wollten wir aber auch die Wassernutzung in einzelnen Baukomplexen gezielt un- tersuchen, was hier an einem einzigen Beispiel erläutert wird, nämlich dem sog. Canopus-Serapeum-Komplex.
Beim Canopus handelt es sich um zwei Wasserbecken, von Norden her gesehen zuerst ein langes (Bild 3), und davor ein recht kurzes (Bild 4), beim sogenannten Serapeum um ein monumentales Gebäude mit einer nach Norden geöffneten Exedra, von deren Kuppel der vordere Teil leider eingestürzt ist (Bild 4). Das Monument hat zahlreiche Nebenräume, und seine Funktion konnte bis heute nicht abschließend geklärt werden. Die Tendenz scheint dahin zu gehen, es wegen der unter der großen Kuppel positionierten gebogenen Liegebank, einem stibadium (Bild 5), für eines von mehreren Bankett-Gebäuden der Residenz zu halten. Dieser Bau erhielt Wasser durch einen in Kuppelhöhe von hinten an das Bauwerk herangeführten Kanal, der das Wasser zuerst in ein Becken leitete. Von dort floss es über zwei seitliche Aquäduktkanäle zur Kuppel, an ihrem Rand beidseitig bis nach vorne (Bilder 6 und 7). Wegen des Versturzes des vorderen Kuppelbereiches ist seine genaue Verwendung dort nicht mehr zu klären, sicher ist aber, dass es ebenfalls aus diesen Kanälen über Rohrleitungen nach unten in das Ge- bäude geleitet und dort weiter verteilt wurde.

Bild 5

Bild 7   Blick nach SĂĽden gegen die FlieĂźrichtung

Bild 6   Blick nach Norden in FlieĂźrichtung

Bild 8

Unser wissenschaftlicher Mitarbeiter B. Heemeier hat dieses ganze obere Leitungs- und Verteilungssystem an der FH Lübeck mithilfe eines hydraulischen Mo- dells genau untersucht (Bild 8) und konnte dabei mehrere Umbauten und Modifikationen nachweisen. Wie sich später auch an anderer Stelle zeigte, haben die Baumeister hier offensichtlich nach der Methode „trial and error“ gearbeitet und das System so lange ausprobiert und verändert, bis es wunschgemäß funktionierte.

Fast überall in diesem Gebäude muss man sich fließendes Wasser vor- stellen: Im Zentralraum (Bild 9) überspannte ein Podium ein großes Was- serbecken, von dort strömte das Wasser in ein kleineres Becken. Aus den seitlichen Nischen (Bild 10) floss Wasser – teils in Kaskaden – die Wände hinab. Vor der Bankettbank floss Wasser durch einen kleinen Kanal, davor war wiederum ein Becken, wahrscheinlich mit Fontänen, usw. usw. (Prinzipskizze Bild 11).

Bild 9

Bild 10

Die Installationsweise des Leitungssystems zu ent- schlüsseln gelang dadurch, dass im Fußboden und auch in den Wänden noch an vielen Stellen recht gut erhaltene Mörtelbettungen der nach­antik geraubten Bleirohre er- halten sind und nach Reinigung der Flächen zum Vor- schein kamen. Zum größten Teil war es sogar möglich, die Rohrgrößen hinreichend exakt zu bestimmen und den bekannten Normtabellen der antiken Wasserbaufachleute Vitruv und Frontin zuzuordnen. Dadurch konnten auch die hydraulische Leistungsfähigkeit der einzelnen Rohr- leitungen und die Durchflussmengen ermittelt werden.

Man kann sehr schön am Beispiel eines kleinen Apsis- raumes (Bild 12) erkennen, dass mit dieser Methode recht genau die gesamte Installation und Ausstattung rekonstruiert werden konnte:
Hier hat es augenscheinlich eine Ringleitung mit vielen kleinen Sprungdüsen gegeben, daneben eine Zuleitung zu einem in der Mitte stehenden Pfeiler, außerdem eine Leitung in die (im Bild rechts) daneben liegende Toilette sowie einen Abfluss in die darunter liegende Kanalisation. So konnte schließlich der Installationsplan für das ge- samte Gebäude nachvollzogen werden, wobei sich ein ganz unscheinbarer Zwickelraum als die zentrale Verteil- und Regelstation erwies (Bild 13).

H. Fahlbusch ist es gelungen, das komplizierte Regel- und Verteilungssystem zu entschlüsseln. Auch dabei stellten sich mehrere Bauphasen heraus, die folgender- maßen zugeordnet werden können: Wahrscheinlich ohne Vorbild für ein derartiges Großprojekt mussten die Bau- meister vorsichtig an die Lösung der sich hier stellenden hydrotechnischen Probleme herangehen. Deshalb haben sie in den Rohbau des Gebäudes ein erstes Leitungs- system eingebaut und im Probebetrieb getestet. Alles weist darauf hin, dass dieses erste System versagt hat, u. a. deswegen, weil die Wasserüberdeckung in dem Becken über dem Bedienungsraum, in das Wasser aus dem Kuppelkanal eingeleitet wurde, für das lange Fallrohr herunter bis zum Erdgeschoss zu gering war. Dadurch kam es zu Lufteinträgen in die Leitung, in deren Folge zu pulsierenden Ausflüssen und nicht unerheb- lichen Druckschlägen im Rohrnetz. Daraufhin haben die Bauleute das Verteilungssystem so lange verkleinert, modifiziert und umgebaut, bis es funktionierte. Man sieht dies beispielsweise daran, dass der linke Wandschlitz in der in Bild 14 gezeigten Mauer von Anfang an und plan- mäßig für ein Rohr freigelassen worden war, während der rechte nachträglich während der Test- und Modifika- tionsphase aus der schon fertigen Wand herausge- meißelt wurde. Erst als dieses stark modifizierte System funktionierte, wurden Fußböden und Wände mit Marmor verkleidet, verputzt, bemalt usw. und der Bau fertig- gestellt.

Bild 11

Bild 12

Bild 13

Bild 14

Die Öffnung und Reinigung der drei Einzeltoiletten des Serapeums (Bild 15 zeigt eine davon mit der Ausbruchsrinne der Bleileitung im Fußboden und den Resten der Sitzbank), erlaubte den Zugang in die Kanalisation, die aus zwei Fuß breiten, 1 Fuß hohen und spitz mit Platten des Formates bipedales (Platten von ca. 60 cm Kanten- länge) gedeckten Kanälen besteht ( Bild 16). Systematische Unter- suchung und Reinigung der Einlaufbereiche brachten ein ausge- klügeltes Entwässerungssystem (Bild 17) ans Licht, das als Misch- wassersystem zur Entsorgung sowohl der Toiletten als auch der Dachentwässerung diente.

Bild 16

Bild 15

DarĂĽber hinaus kann man schlussfolgern, dass es von Anfang an fĂĽr den gesamten Komplex einen bis ins Detail ausgefĂĽhrten Bauplan gegeben haben muss, denn fĂĽr die Rohre der Dachentwässerung waren ĂĽberall in den aufgehenden Wänden senk- rechte Schlitze offen gelassen worden, die unten in die jeweilige Zweigleitung der Kanalisation mĂĽnden. Da man den Bau aber mit der Kanalisation begonnen haben muss, muss das Gesamtkonzept bis hin zu Dachformen und Dachentwässerung von Anfang an exakt geplant gewesen sein. 

Bild 18

In geringer Entfernung von dieser Brücke (Ponte degli Arcinelli) findet man hangabwärts direkt unterhalb der Aqua Marcia Reste antiken Mauerwerks ( Bild 19) eines rechteckigen Baukörpers, der als Ausgangsbecken einer Druckleitung zur in Sichtweite liegenden Villa Hadriana erklärt werden kann, die das zwischen den Hügeln liegende Tal überquerte.
Dieses Becken wurde partiell freigelegt, und tatsächlich hatte es eindeutig eine hydraulische Funktion. Dies be- weisen die in allen horizontalen und vertikalen Ecken angebrachten Viertelstäbe und ein Rohrabdruck in einem Wanddurchbruch. Irritierend war allerdings, dass es nirgendwo auch nur eine Spur von Sinter gab, noch irritierender der Fund von bemaltem, nicht-hydraulischen Wandverputz. Offenbar war dieses für hydrotechnische Zwecke errichtete Bauwerk später nicht als solches ge- nutzt oder einer anderen Funktion zugeführt worden.
Bei der Untersuchung der Fläche zwischen diesem Becken und der Aqua Marcia kam unmittelbar unter der Erdoberfläche eine zerstörte, versinterte Kanalsohle zum Vorschein, die aber auf einem älteren und sehr viel kleineren, vollständig versinterten und damit funktions- unfähig gewordenen Kanälchen aufsitzt und sich auch in der Ausrichtung von diesem unterscheidet (Bild 20).

Auch hier sind also mehrere Bauphasen nachzuweisen, wobei das zuerst erwähnte Becken jünger sein muss als beide Kanäle, weil es beide schneidet und zerstört.
Unmittelbar vor der Wange der Aqua Marcia fanden sich dann Hinweise auf ein fast völlig zerstörtes Tosbecken. In der Wange der Aqua Marcia selbst – genauer eigentlich im Ansatz des Gewölbes – kam eine völlig zugesinterte Öffnung zum Vorschein. Ihre Maße von 1 x 1½ römischen Fuß lassen annehmen, dass es sich dabei nicht um eine Schadstelle, sondern um eine geplante Auslassöffnung gehandelt haben dürfte.

Wasseroberseitig des soeben beschriebenen Befundes befindet sich in geringer Entfernung eine schon lange bekannte Anlage, die sog. „Grotte Sconce“. Hier wurde ein sehr groß dimensioniertes castellum hoch am Hang in die Aqua Anio Novus eingesetzt, aus dem Wasser in einen weiteren Kanal und von diesem über Abzweigun- gen und Fallschächte in die darunter liegenden anderen Leitungen übergeleitet werden konnte. Die Prinzipskizze ( Bild 21) zeigt, dass es sich zusammen mit anderen Überleitungen in unmittelbarer Nähe um ein ausge- klügeltes System zur Überleitung von Wasser von jeder höher liegenden in jede tiefer liegende Leitung handelt.

Bild 17

Wie oben kurz dargestellt, lautete eine weitere zentrale Frage des Projektes: Woher kamen die benötigten Wassermengen?
Eine einzige lokale Quelle – die sogenannte Acqua Ferrata – kann, zumindest aus heutiger Sicht, wegen ihrer sehr geringen Schüttung als Wasserlieferant wohl vernachlässigt werden. Schon früher wurde deshalb die Vermutung geäußert, dass Hadrian Wasser für die Resi- denz aus einer der in geringer Entfernung am gegen- überliegenden Hang der Sabiner Berge vorbeiführen- den vier stadtrömischen Wasserleitungen entnommen haben könnte. Auffällig ist dabei eine in Bild 18 erkenn- bare Stelle am Fuße einer mächtigen Querrinne im Verlauf des Gebirges. Über diese Querrinne hinweg müssen nämlich die ansonsten unterirdisch verlau- fenden Leitungen mit Hilfe von Brücken geführt worden sein. Von diesen Brücken ist im Bereich der Villa Hadriana nur noch die der höchstliegenden Leitung, der Aqua Anio Novus, erhalten (unten rechts in Bild 18).

Bild 19

Bild 20

Bild 21

Welchen Sinn dieses System hatte, konnte bisher nicht erklärt werden, ebenso wenig wie die jetzt neu ent- standene Frage nach dem Sinn einer Auslassöffnung in der Aqua Marcia im Bereich des Gewölbes, also weit oberhalb des normalerweise zu erwartenden Wasserstan- des. Nimmt man aber beides zusammen, kommt man zu einer plausiblen Erklärung: Sind nämlich alle Überleitungen geschlossen, hat die Aqua Marcia ihren Normal-Wasserstand und leitet alles Wasser nach Rom. Wird aber das Wasser aus der Aqua Claudia oder aus der Aqua Anio Novus oder gar aus beiden in die Marcia übergeleitet, wird diese in diesem Abschnitt gewisser- maßen zur Druckleitung und lässt einen Teil des Wasser aus der seitlichen Öffnung in das davorliegende Tosbecken austreten, der überwiegende Teil geht weiter nach Rom. Dass dies so funktioniert hat, beweisen die starken Sinterungen, die im Gewölbe der Aqua Marcia bei einer Öffnung der Leitung an einer Bruchstelle festzustellen waren. Und die Tatsache, dass Frontin trotz sorgfältiger Untersuchung und Beschreibung aller Leitungen von dieser großen Anlage nichts berichtet, dürfte nur so zu deuten sein, dass es sie zu seiner Zeit noch nicht gab und dass sie erst unter Hadrian eingefügt wurde, um bei Bedarf große Wassermengen auf den Residenzhügel überleiten zu können.
Eine solche Leitung hätte den Einschnitt zwischen den Sabiner Bergen und dem Residenzhügel überwinden müssen, was dem Stand römischer Hydrotechnik entsprechend mittels einer Druckleitung problemlos möglich war. Zu erwarten wäre dann allerdings – ebenfalls dem Stand römischer Technik entsprechend – ein venter, also eine Talbrücke, um am Fuß der Hangstrecke scharfe Knicke in der Leitung zu vermeiden.

Und auch diese Brücke gibt es auf einem Ge lände in Pri- vatbesitz (Bild 22). Aufgrund ihrer starken Beschädigun- gen lassen sich leider weder sicheren Kriterien für ein Frei- spiegelrinne noch für eine Druckrohrleitung bestimmen. Dennoch ist in Würdigung der Gesamtbefundlage davon auszugehen, dass es sich um eine Druckleitung von der Aqua Marcia zur Villa Hadriana handelt.

Im Piranesi-Plan findet sich nicht nur diese BrĂĽcke (mit deutlich mehr Pfeilern dargestellt, als heute noch exis- tieren), sondern Piranesi bringt die BrĂĽcke in einen Zu- sammenhang mit einer benachbarten Mauer, die er als Unterbau einer Wasserleitung definiert und die in einer
- wie er sagt - conserva d’acqua endet. Bei der partiellen Freilegung und Untersuchung dieses völlig überwachsen vorgefundenen Gebäudes, das ebenfalls auf einem Ge- lände in Privatbesitz liegt, stellte sich heraus, dass es für eine „conserva“, also einen Wasserspeicher, zwar viel zu klein ist, dass es aber tatsächlich eine hydrotechnische Funktion hatte.

Bild 23 zeigt den Blick von innen nach außen auf den Eingangsbereich, unter dem später eine sehr sorgfältig mit hydraulischem Putz verkleidete Treppenanlage freigelegt werden konnte. Den Wassereinlauf erkennt man auf der rechten Seite. Welche Funktion die große Öffnung auf der linken Bildseite hatte, konnte nicht geklärt werden, weil außerhalb des stark einsturzgefährdeten Gebäudes keine Untersuchungen vorgenommen werden konnten. Der Grundriss ( Bild 24) zeigt, dass neun zum Teil sehr groß- formatige Rohre und ein Grundablass aus dem Gebäude herausführten. Es muss sich also um ein wichtiges Verteilergebäude gehandelt haben.

Die einige Meter vor dem Gebäude abgebrochene Stützmauer, die Piranesi für den Unterbau einer Wasserleitung gehalten hatte, ist für diesen Zweck eindeutig zu schmal. Tatsächlich wurde die Wasserleitung unmittelbar neben ihr gefunden: Unter einer von wenig Erde bedeckten Schicht aus opus caementicium kam eine Lage Ziegelplatten zum Vorschein, und als auch diese abgetragen war, erschien eine kompakte Sinter schicht. Nachdem auch diese vorsichtig und teilweise entfernt war, wurde das ursprüngliche Kanalprofil sichtbar, dass allerdings im Laufe seiner Betriebszeit fast vollständig zugesintert ist ( Bild 25). Im Verlaufe dieses Versinterungs- prozesses musste der Wasserspiegel mit zunehmender Gerinne-Enge immer weiter ansteigen, so dass der Querschnitt letztlich voll durchflossen war und das Gerinne ungeplant die Funktion einer Druckleitung bekam. Irgendwann wurde der Druck dann so groß, dass sogar die Abdeckplatten angehoben wurden und der Kanal undicht wurde. Sicher ohne Erfolg hat man die Kanalabdeckung mit einer Schicht opus caementicium zu verstärken versucht. So wie jetzt vor- gefunden war der Kanal schließlich bis auf eine ca. 4 x 6 cm große Öffnung zugesintert und hat sich sozusagen selbst stranguliert.

Damit war zwar ein Verteilergebäude für einen großen Teil der Residenz gefunden, aber das auf höherem Niveau liegende Serapeum und die Inferi-Grotte konnten von dort wahrscheinlich nicht mit Wasser versorgt worden sein. Es muss deshalb ein vorgeschaltetes Verteilerbecken gege- ben haben, wofür auch ein zweiter Grund spricht: Den Regeln römischer Bautechnik entsprechend muss es grundsätzlich am Beginn einer Druckleitung ebenso wie an ihrem Ende ein sog. Übergangsbecken geben. Ein solches Übergangsbecken konnte gleichzeitig die Funktion eines Zwischenverteilers haben und Wasser an mehrere Endverteiler oder Nutzer leiten. Auf die konkrete Situation bezogen: Auch die Druckleitung, die von der Aqua Marcia über die östliche Talbrücke bis auf den Residenzhügel lief, musste dort zuerst in ein Übergangsbecken einmünden, bevor das Wasser, u. a. mit Hilfe einer dort beginnenden Frei- spiegelleitung in das castellum aquae, weitergeleitet wurde. Bei den gegebenen topographischen Verhältnissen kann es keinen Zweifel geben, wo dieses Übergangs-/ Verteilerbecken – ein entscheidender Schlüssel zum vollen Verständnis des Systems – zu finden sein muss. Leider war dieses Gelände, das sich außerhalb der archäolo- gischen Zone in Privatbesitz befindet, bisher nicht für Untersuchungen zugänglich.

Bild 22

Bild 23

Bild 24

Bild 25    Rote Pfeile: geplante FĂĽllhöhe des Kanals

Als die Wasserversorgung mit der Zeit immer schlechter wurde und irgendwann gerade in den wichtigsten Repräsentationsbauten überhaupt nicht mehr zufriedenstellend funktioniert haben kann, hatte Hadrian nur die Möglichkeit, die bestehende Anlage zu sanieren oder ein komplett neues System bauen zu lassen. Schon die Auslasssituation an der Aqua Marcia mit mehrfachen, jeweils größer dimensionierten Neubauten ließ die zweite Möglichkeit wahrscheinlicher erscheinen, und dann kann die Antwort auf die Frage, wo das zentrale Verteiler- becken einer neuen Anlage stehen müsste, nur lauten: An einer möglichst hoch liegenden Stelle, also noch weiter im Süden, da der Residenzhügel schrittweise von Norden nach Süden hin ansteigt, auf dem heute im Besitz der Familie Bulgarini befindlichen Gelände.

Hier gibt es Reste einer Leitung, die Antonio Penna 1833 noch als langen Aquädukt gesehen, jedenfalls so darge- stellt hat (Abb. 26), von dem heute allerdings oberirdisch nur noch ein sehr zerstörter Rest übriggeblieben ist, aus dem man keinerlei Befunde mehr erheben kann.
In unmittelbarer Nähe konnten dann aber noch zwei weitere, unterirdische Abschnitte dieser Leitung gefunden werden, und zwar nahe dem sogenannten Trapez, einem gewaltigen unterirdischen Gängesystem (Bild 27). Geophysikalische Untersuchungen und Sondagen des im Projekt kooperierenden Biblisch-Archäologischen Instituts Wuppertal zeigten, dass diese Leitung im Bereich oberhalb des Trapezes nicht mehr nachweisbar ist. Deshalb wurde unmittelbar vor Projektende an einer anderen Stelle noch einmal eine Georadar-Untersuchung vorgenommen. Trotz nicht gerade optimaler Bedingungen zeichneten sich da- bei die Umrisse eines rechteckigen Bauwerks deutlich ab, dessen Maße exakt in römische Fuß (16' x 20') zu kon- vertieren sind. Bei der Freilegung der Nordostecke dieses Bauwerks zeigte sich sehr deutlich, dass es sich hierbei tatsächlich um ein Verteilerbecken handelt, das einen großen Zulauf von Osten her hat, also aus Richtung der Aqua Marcia (Bild 28). Aber auch hier findet sich nirgendwo Sinter. Die – nachantik hier wie überall geraubten – ab- leitenden Bleirohre waren zwar schon eingebaut, wie die Bleikontamination im Bettungsmörtel erweist, aber der auch hier fehlende Sinter zeigt, dass dieses Becken eben- falls nie in Betrieb gegangen ist.

Wie die Trasse der Zuleitung zu diesem neuen Verteiler- becken genau verlaufen ist und welchem System oder welchen Bauphasen die schon lange bekannten anderen Leitungsreste zuzuordnen sind, muss vorläufig offen- bleiben.
Die Befunde sowohl am Auslauf aus der Aqua Marcia als auch am alten wie am neuen Verteilerbecken erlauben aber die These, dass mit zunehmendem Versagen des bisheri- gen Verteilungssystems durch Versinterung ein kompletter Neubau des Wasserversorgungssystems noch in hadri- anischer Zeit in Angriff genommen worden ist. Offensichtlich ist an diesem Neubau, römischen Baugepflo- genheiten entsprechend, an verschiedenen Stellen gleich- zeitig gearbeitet worden, aber ebenso offensichtlich ist er weder fertig noch auch nur teilweise in Betrieb genommen worden, möglicherweise bedingt durch Hadrians Tod.

Bild 26

Bild 27

Bild 28

Neben den hier kurz vorgestellten wurden zahlreiche weitere hydrotechnische Teilbereiche und Aspekte untersucht, die in unserer Publikation ausfĂĽhrlich dargestellt sind.

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